Japanisch lernen – Das Plateau

Wenn man aus eigenem Antrieb mit dem Lernen einer Sprache beginnt, ist man vor allem am Anfang sehr motiviert. Neue Klänge; ein fremdes Schriftsystem; die Aussicht, einmal genauso fließend sprechen zu können, wie die netten Stimmchen auf den Hörverständnis-CD’s es tun…
Allerdings ist der Glaube, eine Sprache innerhalb weniger Jahre meistern zu können, ein sehr hoch gestecktes Ziel, das zu erreichen frustrierend, wenn nicht sogar unmöglich sein kann. Mag sein, dass es Sprachen gibt, die uns Deutschen einfacher fallen als andere und die sich auch dementsprechend schnell auf hohem Level verinnerlichen lassen.
„Fließendes“ Japanisch gehört allerdings nicht unbedingt dazu 😉

Ich lerne seit dem Beginn meines Studiums Japanisch. Das ist nun schon fast 4 Jahre her. Dementsprechend sollte man davon ausgehen, dass ich die Sprache bis zu einem gewissen Grad beherrsche, was ich sicherlich auch tue.
In den ersten Jahren haben wir vor allem Grundformen der Grammatik, Vokabeln und die Funktionsweise des japanischen Schriftsystems beigebracht bekommen, was eine wunderbare Grundlage zum Vertiefen der Kenntnisse während des Auslandsjahres darstellte. Man konnte in Japan selbst gut auf diesem Wissen aufbauen und an Verfeinerungen im Ausdruck und des Gesamtverständnisses arbeiten.
Trotz dieser Erfolge befinde ich mich zur Zeit an einem Punkt, den wohl jeder irgendwann auf dem Pfad des Lernens erreicht und der sich bei jedem unterschiedlich stark äußern kann: Die Stagnation.

Stagnation – das heißt, man ist an auf einem gewissen Wissensstand angelangt, von dem man möglicherweise nicht mehr so richtig herunter kommt. Als hätte man beim Bergsteigen plötzlich ein riesiges Plateau erreicht, auf dem man eine elendig lange Strecke stur geradeaus zurücklegen muss, bevor es wieder aufwärts in Richtung Berggipfel gehen kann.
Für mich persönlich kam dieser Punkt, als ich mich, gemessen am Japanese-Language Proficiency Test, an der Schnittstelle vom N3 zum N2-Level befand. Dort druckse ich im Übrigen auch immer noch herum, strampele mir auf dem „Plateau“ also zur Zeit ein wenig die Beine ab.

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Der Japanese-Language Proficiency Test, kurz JLPT – eine internationale Prüfung, um sein Sprachniveau festzustellen und ausweisen zu können. Die Stufen reichen von N5 (Anfänger) bis N1 (Muttersprachler Niveau)

Das wäre normalerweise gar nicht so ein großes Problem, immerhin geht es sicherlich vielen auf diesem Level so. Der Sprung vom normalen Konversations Japanisch hin zu tieferem, zum Großteil wirtschaftlich/politischem Japanisch ist ziemlich radikal, dementsprechend muss man sich beim Lernen extrem ins Zeug legen und ständig am Ball bleiben.
Das Ganze ist allerdings nicht ganz so einfach, wenn der Kurs an der Uni sich in den letzten zwei Semestern plötzlich im N2 – N1 Level bewegt – den beiden höhsten Stufen, die man beim Sprachtest erreichen kann. Quasi Muttersprachler Niveau.

Vor 4 Jahren haben wir bei 0 gestartet, nun lesen wir Texte über das wirtschaftliche Gelingen oder auch das Scheitern verschiedener Firmen und Zeitungsausschnitte zu allen möglichen Themen. Fachterminologie? Kenne ich zum Teil nicht einmal auf Deutsch. Kanji? Vielleicht schon einmal irgendwo gesehen, aber absolut nicht mehr auf dem Schirm.
Kurz: Obwohl ich mittlerweile ein solides sprachliches Level erreicht habe, fällt es mir zur Zeit schwer, Erfolge in meinem persönlichen Lernprozess zu erkennen. Eigentlich hat man sogar eher das Gefühl, sich verschlechtert zu haben, auch wenn das vielleicht gar nicht der Fall ist.
Da braucht man zum Übersetzen eines Textes plötzlich fast die gesamte Unterrichtsstunde, was vor einiger Zeit noch innerhalb weniger Minuten ganz gut geklappt hat. Dazu leuchtet der gesamte Text nur so vor bunter Markierungen von unbekannten Vokabeln, Schriftzeichen oder Satzstrukturen, die man nicht wirklich verstanden hat.
Der Berggipfel gerät immer mehr außer Sichtweite, verschwimmt hinter einem Schleier des Unwissens und der Überforderungen. Das kann ziemlich demotivierend sein.

Ich habe vor einiger Zeit schon einmal über die drei Phasen des Japanisch Lernens geschrieben, die ich bei mir selbst und bei anderen beobachten konnte.
Mit der Stagnation kann man theoretisch eine neue Stufe dazu rechnen, man kann sie aber genauso gut als unangenehmen Nachhall der zweiten (Verzweiflungs-)Phase wahrnehmen.

Der Schlüssel ist auch an dieser Stelle wieder die Motivation.
Je nachdem, wie lange die Plateau Phase andauert, kann es hier allerdings schwieriger sein, sich aus dem Trott zu befreien. Je mehr die Motivation sinkt, desto weiter erscheint die Strecke zum Berghang, der uns wieder nach oben führen kann.
Wenn dann noch Rückschläge wie vermasselte Prüfungen in der Uni oder das schier endlose Hocken über ein und dem selben Text hinzukommen, dann verdichtet sich zuweilen der Schleier auf der Sprachebene zu einer undurchdringlichen Masse.

Wo versteckt sie sich also, die Motivation?

Ich persönlich kann mich immer ganz gut mit dem Gedanken über Wasser halten, dass ich in wenigen Monaten (und natürlich auch in Zukunft) das Japanisch, das mir jetzt so hochtrabend und unnötig vorkommt, im Alltag vermutlich sehr gut gebrauchen kann. Außerdem möchte ich im Juni noch vor meinem Umzug nach Japan den Japanese Language Proficiency Test auf N2 Niveau bestehen.
Dran bleiben und weiter kämpfen ist also die Devise!
Mein Ziel war schon seit Beginn des Studiums, mich an dessen Ende auf annähernd fließendem Niveau bewegen zu können. Und in den letzten Jahren habe ich wirklich viel Energie, Lebenszeit und vor allem auch Geld in meine Ausbildung fließen lassen.
Außerdem motiviere ich mich natürlich gern mit dem Gedanken, irgendwann einmal mit meinem Partner morgens mit Zeitungen bewaffnet am Küchentisch zu sitzen und über Tiefgehenderes sprechen zu können, als die Konsistenz unseres Frühstücks-Nattō 😉

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6 Kommentare zu „Japanisch lernen – Das Plateau“

  1. Hallo Tara,
    ich habe gestern in meinem Volkshochschulkurs gesessen und es gab einen neuen Text, sowie ein bisschen Wiederholung von Monate altem (Nicht-)Wissen.
    Ich habe komplett auf dem Schlauch gestanden. Das war echt demotivierend. Wird Zeit wieder mehr zu tun.
    Schönen Gruß
    Thomas

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    1. Das Gefühl, völlig auf dem Schlauch zu stehen, kenne ich sehr gut.
      Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als wieder mehr reinzuhauen und Zeit ins Lernen zu investieren, hm? 🙂

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  2. Hätte ich doch nur Motivation Japanisch zu lernen..
    So ganz ohne Prüfungsdruck lerne ich absolut 0!
    Deshalb muss ich den JLPT nicht mal versuchen.. Da fehlt einfach die Struktur.
    Vielleicht kenne ich Vokabeln aus N2 (wer weiß?), dafür fehlen mir welche aus N4…
    Mal sehen, vielleicht krane ich ja doch wieder meine Bücher hervor wenn demnächst wieder die Bahnfahrten auf mich zukommen..

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    1. Wenn ich keinen Prüfungsdruck habe, fällt es mir auch oft schwer mich richtig in etwas hinein zu knien was Lernen betrifft 😉
      Dieses durcheinander gewürfelte Wissen aus verschiedenen Niveaus kenne ich auch sehr gut. Unser Unterricht an der Uni war nie sonderlich nach N5 – N1 abgeteilt. Und im Alltag (vor allem wenn ich mit meinem Partner rede) wirft man dann ja eh alles durcheinander …

      Hab schon ein bisschen Angst vor dem JLPT, allerdings kann man ihn zur Not ja irgendwann nochmal in Japan wiederholen, falls es hier nicht klappen sollte 😉

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      1. Wenn man alle Kurse an der Uni mitnimmt, sollte man aber schon ein Ordentliches Vokabel-Repertoire haben. Zumindest war das bei mir damals so… Ich konnte unglaublich viele Vokabeln, Kanji und Kanji Komposita.
        Leider habe ich sie in 10 Jahren Japanisch-Abstinenz alle wieder vergessen xD
        Damals hätte ich aber von den Vokabeln her den (jetzigen) N3 sicher geschafft. Wenn nicht sogar den (jetzigen) N2…

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